Informationen zum Granitsteinbruch

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© Alexander Schlager | FH St. Pölten

Am Steinbruch wurde seit dem 19. Jahrhundert Granit abgebaut. 1925 wurde das Areal von August Wittenhofer gekauft und konnte nicht zuletzt wegen der Nähe zum Bahnhof Pulkau industriell genutzt werden. Zu „Hochzeiten“ waren über 300 Personen beschäftigt. Erzeugt wurden Pflastersteine, Schotter, Sand und Riesel für Beton. An Spitzentagen wurden 40-50 Waggen Material per Bahn abtransportiert.1 Nach dem Konkurs von Wittenhofer übernahm Baron Leopold Popper-Podhragy 1931 das Areal. Ab 1939 befand sich Leopold Popper-Podhragy im englischen Exil, er galt als Halbjude.2

Informationstafel im Steinbruch, © Alexander Schlager | FH St. Pölten

Die Vertretung seiner Geschäfte übernahm ein Berliner Rechtsanwalt. 1941 wurde der Steinbruchsbetrieb von der Firma Geisler in Zellerndorf gepachtet.3 Nachdem ein Großteil der Arbeiter zum Kriegsdienst eingezogen worden war, teilte das Arbeitsamt Horn sowjetische Kriegsgefangene und zivile Zwangsarbeiter*innen aus der Ukraine und aus Polen zur Arbeit im Steinbruch zu.

Im November/Dezember 1944 kamen 30 ungarische Jüdinnen und Juden in Pulkau an, zuvor waren sie bei anderen regionalen Arbeitgebern in der Landwirtschaft eingesetzt.4 Bei den Zwangsarbeiter*innen handelte es sich möglicherweise um Angehörige jener etwa 16.000 jüdischen Ungar*innen, die im Sommer 1944 in das Durchgangslager Strasshof an der Nordbahn verbracht wurden.5 Die Transporte jüdischer Familien in das Lager Strasshof waren Teil ihrer versuchten Rettung vor der Deportation in die Vernichtungslager. Nach der deutschen Besetzung waren zwischen Mai und Juli 1944 440.000 ungarische Jüdinnen und Juden in den Osten deportiert worden, die meisten von ihnen wurden in Auschwitz ermordet.

Bauschutt in den Gebäuden, in denen die ZwangsarbeiterI*innen untergebracht waren

Im Sommer 1944 konnte das Budapester „Unterstützungs- und Rettungskomitee“ ein Übereinkommen mit der SS schließen: Rund 16.000 jüdische Ungar*innen wurden zur Zwangsarbeit in das Lager Strasshof verschickt, im Gegenzug sollte die SS Lieferungen kriegswichtiger Güter erhalten.6 Die jüdischen Ungar*innen wurden als Zwangsarbeiter*innen in Wien und im Gau Niederdonau eingesetzt – viele auch in Wald- und Weinviertler Bauernhöfen und Betrieben.7
Im Steinbruch mussten die Zwangsarbeiter*innen nach der morgendlichen Sprengung eine vorgeschriebene Menge an Granitblöcken aufarbeiten. Der gebrochene Stein wurde in Rollwagen auf Gleisen zum Schotterbrecher transportiert (die Fundamente des Schotterbrechers sind noch identifizierbar), der Schotter zur Verladerampe gebracht und in täglich vom Bahnhof Pulkau auf ein Stichgleis herangebrachte Waggons gekippt. Diese wurden über Sigmundsherberg mit der Franz-Josephs-Bahn abtransportiert, bestimmt war der Schotter für den Ausbau der Flughafenanlage in Wiener Neustadt.

Im April 1945 gelang es durch eine Rettungsaktion des Steinbruchverwalters, die Zwangsarbeiter*innen vor der Deportation nach Theresienstadt bzw. in das KZ Mauthausen zu bewahren, sie überlebten bis zur Befreiung durch die Rote Armee.8

Steinbruchbetrieb bei der Wiederaufnahme in den 1980er Jahren

Nach 1945 wurde der Steinbruch zunächst von der Firma Hattey betrieben. Die Schließung des Granitsteinbruchs, der Seifenfabrik Müller und die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Ziegelei in den 1950/60er Jahren lösten eine Abwanderungswelle in der wirtschaftlich abgelegenen Region am Rande des „Eisernen Vorhangs“ aus. In den 1980er Jahren betrieb noch kurze Zeit die Firma Weingartner als Pächter der Gemeinde Pulkau den Granitabbau.9 Danach wurde und wird der Steinbruch als Treffpunkt für Jugendliche und als Eventlocation genutzt.


1 Herbert und Herta Puschnik, Pulkau. Stadtgeschichte, Kunst, Kultur, 1998, S. 179.
2 Siehe Jüdische Sammler und Kunsthändler (Opfer nationalsozialistischer Verfolgung und Enteignung), Popper-Podhragy, Leopold, URL: https://www.lostart.de/Content/051_ProvenienzRaubkunst/DE/Sammler/P/Popper-Podhragy,%20Leopold.html (abgerufen am 5.7.2021).
3 Puschnik, S. 169.
4 Die Darstellung folgt der grundlegenden Darstellung von Maria Theresia Litschauer, 6|44 – 5|45 Ungarisch-Jüdische ZwangsarbeiterInnen. Ein topo|foto|grafisches Projekt, Wien 2006, S. 207-212; siehe weiters: Gertrude Enderle-Burcel/ Ilse Reiter-Zatloukal (Hg.): Antisemitismus in Österreich, Wien 2018, S. 1033.
5 Vgl. Irene Suchy, Strasshof an der Nordbahn. Die NS-Geschichte eines Ortes und ihre Aufarbeitung, Wien 2012.
6Vgl. Eleonore Lappin-Eppel, Ungarisch-Jüdische Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen in Österreich 1944/45. Arbeitseinsatz – Todesmärsche – Folgen, Wien/Berlin 2010, S. 27-49, 59-70; Eleonore Lappin/Susanne Uslu-Pauer/Manfred Wieninger, Ungarisch-jüdische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in Niederösterreich 1944/45 (Studien und Forschungen aus dem NÖ Institut für Landeskunde 45), St: Pölten 2006; Abstellgleis Strasshof. Ungarisch-jüdische Zwangsarbeit im Raum Wien (1944-1945), URL: https://www.vwi.ac.at/index.php/forschung/forschungsschwerpunkte/aktuelle-projekte/abstellgleis-strasshof (abgerufen am 2.7.2021).
7 Vgl. Eleonore Lappin-Eppel, Erinnerungszeichen als Opfer des Zwangsarbeitereinsatzes ungarischer Juden und Jüdinnen in Niederösterreich 1944/45, in: Heinz Arnberger/Claudia Kuretsidis-Haider (Hg.), Gedenken und Mahnen in Niederösterreich. Erinnerungszeichen zu Widerstand, Verfolgung, Exil und Befreiung, Wien 2011, S. 60-86, insbes. 60-70, URL: https://www.doew.at/cms/download/5qncq/gum_lappin.pdf (abgerufen am 2.7.2021).
8 Siehe Litschauer, S. 3.
9 Puschnik, S. 168, 176.